EIn Beitrag von Helga Fitzner

Es ist in der Tat so, dass man nach Lektüre dieses Sachbuchs in der Lage wäre, einen Wald zu pflanzen. Aber: Das kreative Schreib- und Grafik-Team des Katapult-Verlags gibt auch detaillierte Hinweise, wie man das nicht nur im Einklang mit der Natur, sondern auch mit den Behörden bewerkstelligen kann. 2015 hatten sich in Greifswald Kreative verschiedener Berufsgruppen zusammengetan und ein Magazin gegründet, in dem Wissenschaft illustriert und verständlich beschrieben wird. Der Erfolg stellte sich rasch ein, seit 2020 erscheinen auch in schneller Folge Bücher, wie z. B. 102 grüne Karten zur Rettung der Welt.
Die vollmundigen Titel sind bei Katapult Programm, tragen aber auch der Dringlichkeit des Handlungsbedarfs Rechnung, und so ist das neue Buch „Für alle, die nicht mehr warten wollen“  gedacht. Die Greifswalder schaffen es in ihrer frechen, frischen und fröhlichen Art immer wieder, die Themen unterhaltsam, spannend und eingängig darzustellen. So erfahren wir, warum der Ahorn ein Angeber, die Buche eine Mörderin und der Gingko ein Stinker ist. Der Gruppe standen ein Forstwissenschaftler, ein Jäger, ein Landschaftsökologe sowie ein Förster zur Seite und die erste Anlaufstelle ist immer das örtliche Forstamt, weil das über die Besitzverhältnisse Auskunft geben kann. Es werden wohl auch die Untere Naturschutzbehörde und das Wasserwirtschaftsamt aufgesucht werden müssen und der jeweilige Energieversorger, wenn Stromleitungen durch das Grundstück verlegt wurden, die durch das Wurzelwerk beschädigt werden könnten. Der Anschluss an eine Forstbetriebsgemeinschaft könnte wünschenswert sein und wäre bei der Nutzung von geeigneten Maschinen sehr hilfreich. – Das Team vom Katapult-Verlag hat mittlerweile ein eigenes Waldstück erstanden, der geplante Katapult-Wald ist Wirklichkeit geworden, die Kreativen sind mit Know-how und Saatgut unterwegs.

Das achtköpfige Autor*innen-Team von „Wie man illegal einen Wald pflanzt“ hat wieder reichlich Quellenforschung betrieben und Statistiken ausgewertet, die von der Grafikerin Andrea Köster mit Übersichtlichkeit, Schlüssigkeit und erkennbarer Schaffensfreude illustriert wurden. Die Grafiken geben u. a. eine Übersicht über die Waldanteile in den deutschen und österreichischen Bundesländern, Wälder in Europa und der Welt, die häufigsten Baumarten und ihre Herkunft, Straßenbäume sowie tatsächlich auch Straßennamen. Nach der Birke, Buche und dem Ahorn sind mehr deutsche Straßen und Plätze benannt, als z. B. nach dem Naturfreund Goethe, der es zahlenmäßig mit keinem der genannten Bäume aufnehmen kann.

Die wichtigsten Informationen sind auf nur vier Seiten zusammengefasst: 36 bis 39. Die Leserschaft erfährt, was beim Sammeln und Aufbewahren des Saatguts zu beachten ist, wie man mit Stecklingen umgeht und wie man veredelt. An den Beispielen von Eiche, Buche und Apfelbaum wird die Vorbereitung und die Pflanzung beschrieben und auf nur einer Seite kann man im Sammelkalender die Zeiträume ablesen, wann und für welche Baumart das Sammeln von Samen erfolgen kann. – In Mecklenburg-Vorpommern hat der „Kiebitzer“ Dirk Vegelahn in den vergangenen zwölf Jahren rund 400.000 Bäume gepflanzt. Er schätzt, dass der CO₂ -Verbrauch pro Bundesbürger*in ausgeglichen werden könnte, wenn pro Person 900 Bäume gepflanzt würden.

Wälder sind auch für die Wasserwirtschaft ein wichtiger Faktor. Die Stadt New York versorgt den größten Teil ihrer Bevölkerung mit „Waldwasser“ aus den Catshills. Die Betriebskosten betragen jährlich stolze 500.000 US-Dollar, künstliche Wasserfilteranlagen würden aber geschätzte 8 Milliarden kosten. „Wälder nehmen Regenwasser wie Schwämme auf und können es in trockenen Zeiten wieder an den Boden abgeben. Sie verhindern Erosion und mindern damit die Gefahr, dass die Flüsse und Stauseen verunreinigt werden“ (S. 151).

Aber Achtung: Es gibt auch Projekte, die der Umwelt schaden. So wird in Irland zwar emsig aufgeforstet, um die Strafzahlungen der EU zu vermeiden, aber in Monokultur mit der Sitka-Fichte, die sogar die wertvollen Moorgebiete bedroht. Es ist nach viel Kritik jetzt beabsichtigt, einheimische Baumpflanzungen zu fördern. In China wurden ähnliche Erfahrungen gemacht. Dort wird schon seit 1978 das größte Bewaldungsprogramm der Welt durchgeführt, um die rasante Ausbreitung der Wüste Gobi und ihre Sandstürme aufzuhalten. Die diesbezügliche Bilanz der Unternehmung ist durchaus erfreulich. Aber auch hier waren die Monokulturen mit schnell wachsenden Pappeln und Tannen für Krankheiten anfällig und verschärften die schon bestehende Wasserknappheit. China verwendet jetzt auch Gras, Büsche und einheimische Pionierbäume.

Es geht aber auch einige Nummern kleiner. Den größten Teil des Buchs macht die Illustration und Beschreibung von 32 Bäumen aus, die ausreichen, um die Baumarten bestimmen zu können. Auf jeweils zwei Seiten ist das Wesentliche zusammengefasst, dazu gehören die äußere Gestalt der Bäume, die Blattformen, die Samen und Früchte. Beim Ahorn machen die Samen besonderen Spaß, weil die wie Propeller eines Hubschraubers durch die Luft wirbeln, aber auch die wunderbaren Farben werden erwähnt, mit denen sich die prächtigen Ahornblätter im Herbst kleiden. Die Buche kümmert sich ausschließlich um ihresgleichen. Sie lässt im Wald kaum Konkurrenz aufkommen und nimmt im Kampf um das Licht ihren Mitstreitern aufgrund ihres schnellen und breit gefächerten Wuchses die Sonne weg. Sie steht mit 16 % hinter der Fichte und der Kiefer auf Platz 3 der häufigsten Baumarten in Deutschland.

Jede Pflanzung ist ein Eingriff in die Natur. Die von Bäumen ist nur statthaft, wenn einem das Grundstück gehört oder man entsprechende Genehmigungen eingeholt hat. Wenn z. B. für den Bau eines Supermarktes Waldfläche gerodet wurde, soll an anderer Stelle ein Kompensationswald zum Ausgleich aufgeforstet werden. Es ist also durchaus möglich, dass potenzielle Waldpflanzer*innen bei den Ämtern offene Türen einrennen. Es ist allerdings so, dass Nadelbäume durch die Klimaerwärmung zunehmend Schaden nehmen und durch Schädlinge vernichtet werden. Die Fichte ist besonders betroffen, weil sie bei Sturm schnell umkippt und dann dem Borkenkäfer zum Opfer fällt. Die Experten sagen ganz klar, dass die Fichte trotz ihres Ertragsreichtums an Holz ausgedient hat, vor allem in Monokultur. Nun schafft es das Autor*innen-Team immer wieder auch einen inneren Bezug zu den Bäumen herzustellen. Wer das Privileg hatte, eine echte Stradivari-Geige live zu hören, wird den Klang wohl nie wieder vergessen. Dieses Klangerlebnis wird u. a. dem Fichtenholz zugeschrieben, aus dem sie gefertigt wurde. Die Fichte hat auch in für sie geeigneten klimatischen Gefilden durchaus noch ihren Platz.

An Obstbäumen werden der Kirsch-, Apfel- und Birnbaum vorgestellt sowie die Kiwi, die genau genommen eine Schlingpflanze ist. Essbare Früchte tragen weiterhin die Hasel, die Olive und die Palme. Es ist übrigens die Robinie, aus deren Blüten der so genannte Akazienhonig entsteht. Und die Kastanie ist sehr freundlich zu Bienen und Hummeln. Ihr „Ampelsystem“ zeigt mit gelb an, dass es in dieser Blüte noch Nektar gibt, nach der Bestäubung verfärbt sie sich rot, sodass die Insekten sie nicht mehr ansteuern. Das Fazit des Buches überrascht kaum: Monokulturen sind schädlich, natürlich gewachsener Wald ist unübertroffen. Wälder gedeihen am besten alleine oder mit nur geringer Fremdeinwirkung. Denn „effektiver… als der persönliche Pflanzaktivismus ist es, die fleißigste Pflanzerin der Welt zu unterstützen. Das ist und bleibt die Natur“ (S. 31).

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