Das Interview führte Helga Fitzner mit Mildred Utku

 

Es ist ein wunderbarer Erfolg: Die Stadt Köln hat ihren ersten „Essbaren Platz“, im öffentlichen Raum, offiziell genehmigt und an einem bedeutsamen Ort. Während sich Viele seit Jahren für Köln als Essbare Stadt einsetzen, gibt es aber noch Einige, die sich darunter nicht so recht etwas vorstellen können.

Mildred Utku kommt aus dem Lebensmitteleinzelhandel und ist Mitglied im Ernährungsrat der Stadt Köln und Umgebung, wo sie sich unter anderem in dessen Ausschuss „Essbare Stadt/Urbane Landwirtschaft“ engagiert.
Das Interview bearbeitete die Journalistin Helga Fitzner, die sich ebenfalls für den Ausschuss Essbare Stadt einsetzt.

 

Helga Fitzner: Was hat es mit diesem Ausschuss auf sich?
Mildred Utku: Wir haben im Rahmen dieses Ausschusses gemeinsam mit der Agora Köln und einem großen bürgerlichen Engagement einen Aktionsplan für die Stadt Köln entwickelt. Er zeigt auf, wie die Essbare Stadt Köln aussehen soll, welche Wünsche und Forderungen die Akteure und BürgerInnen an die Politik und Stadtverwaltung haben. Für die Erarbeitung haben wir drei sogenannte Gipfel veranstaltet und beim 1. Gipfel im Sommer 2017 haben sich acht Arbeitsgruppen gebildet darunter die AG „Essbares öffentliches Grün“. In dieser Gruppe haben sich mehrere Initiativen gebildet, die im öffentlichen Raum essbare Pflanzen für Mensch und Tier anbauen wollen. Eine davon war der Essbare Rathenauplatz.

Was macht den Rathenauplatz so geeignet für die „Essbarkeit“?
Der Rathenauplatz war für mich immer ein prädestinierter Ort für einen Essbaren Platz. Allein aus dem Grunde, da schon einige wichtige Bestandteile vorhanden sind. Die Bürgergemeinschaft, ein Verein, der bereits in Kontakt mit seinen NachbarInnen ist und Aktivitäten veranstaltet und die Patenschaft übernehmen kann, und – ganz wichtig – durch die Gastronomie ist die Wasserversorgung gesichert.

Man kann aber nicht einfach hingehen und einen öffentlichen Platz für essbar erklären?
Dafür muss man einige Anforderungen erfüllen. Als die Bürgergemeinschaft bei der Stadt anfragte, ob sie Pflanzkisten mit Gemüse aufstellen dürfe, wurde der umgehend abgelehnt. Das lag daran, dass er unter Denkmalschutz steht und es keine baulichen Veränderungen geben darf, auch keine Pflanzkisten.

Das war aber noch nicht das Ende der Geschichte!
Wir haben dann gemeinsam mit der Bürgergemeinschaft ein Konzept entwickelt. Wir sind mit einem Biologen über den Platz gelaufen und haben uns beraten lassen. Er riet uns, aufgrund von möglichen Belastungen im Boden auf Gehölze zu setzen, da diese die Schadstoffe filtern würden und dadurch eine Belastung der Früchte verhindern. So planten wir entlang des Hundelaufes Beerensträucher anzupflanzen, zwei Apfelbäume in die Mitte des Platzes und Kiwi-Ranken an der Pergola. Da die Bezirksvertretung für solche Vorhaben auf öffentlichen Plätzen zuständig ist, vereinbarten wir einen Termin mit dem Bezirksbürgermeister Andreas Hupke. Anfangs war er sehr skeptisch und hatte sich eine Horde Hippies vorgestellt. Als wir ihm das Konzept erklärten, war er am Ende begeistert. Er drückte es so aus: Wir haben ihn vom Saulus zum Paulus gemacht. Also hatten wir ihn schon auf unserer Seite!

Es geht ja auch um mehr als um Essbarkeit, sondern auch um Begegnung!
Bei einem Essbaren Platz geht es um essbare Pflanzen für Mensch und Tier, aber auch um viele andere Dinge wie: die Nachbarschaft stärken, Verantwortung für sein Veedel zu übernehmen, Integration, Ernährungsbildung, Umweltbewusstsein und vieles mehr. Und das gelang. Die Bürgergemeinschaft wollte die Verantwortung übernehmen und so stellten wir es dann dem Grünflächenamt vor, die uns dann mitteilten, wenn die Bürgergemeinschaft die Patenschaft beantragt, sollte dem nichts mehr entgegenstehen. Der Antrag wurde gestellt und wir riefen schon zur ersten Pflanzaktion am 6. Oktober 2018 auf. Die Stadt bekam das mit und rief uns zurück. Sie müsse doch erst einmal eine Begehung machen. So sagten wir die Aktion wieder ab.

Das war erst einmal ein ziemlicher Schreck!
Das stimmt. Das Patenschaftsamt zusammen mit dem Grünflächenamt gab uns aber binnen zwei Tagen einen Termin, segneten alles soweit ab und wir riefen erneut zum 6. Oktober auf. Seit geraumer Zeit hatten wir einen Kontakt zu einem wunderbaren Menschen, der in seinem Garten Pflanzen zum Verschenken vermehrt und uns die Beerensträucher zur Verfügung stellte.
Der Thurner Hof versorgte uns eimerweise mit Kompost und so waren wir mit allen wichtigen Dingen versorgt. Am 6. Oktober 2018 fuhren wir morgens nach Rondorf, um die Beerensträucher auszubuddeln und zum Rathenauplatz zu transportieren. Unsere Sorge war, ob wir den Boden überhaupt aufbekämen, da durch den trockenen Sommer alles sehr hart war. Wir waren schon mit Spitzhacken gewappnet. Doch dann ging alles ganz schnell. Familien kamen mit ihren Kindern und weitere NachbarInnen. Die Kinder gingen gleich mit ihren Kinderschaufeln an die Arbeit und wir dachten – mal sehen, wie weit wir damit kommen.

Die Kinder waren wirklich eifrig und sorglos dabei.
Die Kinder fingen einfach an und die Väter machten weiter, so dass wir innerhalb einer Stunde alle 15 Beerensträucher mit Kompost und Tonmineral eingepflanzt hatten. Wir waren begeistert! Welche Freude wir alle gehabt haben und wie gut es geklappt hat. Es gab NachbarInnen, die direkt noch den Müll drumherum entsorgt haben und so war die Aufwertung perfekt. Bei einem kleinen Imbiss, gestiftet von der Bürgergemeinschaft, haben wir unseren Erfolg gefeiert. Eine wunderbare Vernetzung der Essbaren Stadt!

Dann gab es noch einen Rückschlag.
Der zweite Pflanztermin im November 2018 war schon vorbereitet. Wir hatten über unsere Medien schon dazu aufgerufen. Die Nabu hatte uns zwei Apfelbäume alter Sorten gestiftet, die wir auf den Platz pflanzen wollten. Drei Tage vorher fand das Umweltamt bei einer Routineuntersuchung Schadstoffe auf dem Spielplatz des Rathenauplatzes und bat uns, die Pflanzaktion zu verschieben. Ein weiteres Mal. Ich dachte schon – oh je – wir verlieren jede Glaubwürdigkeit. Auf der anderen Seite ist es gut, dass sie sich kümmern. Sie haben dann in derselben Woche noch an den Pflanzstellen Proben entnommen. Die Apfelbäume überwintern nun in Kübeln bei der Bürgergemeinschaft im Hof.

Und kürzlich kam der Durchbruch!
Richtig. Anfang Februar sind die erfreulichen Untersuchungsergebnisse gekommen: Es steht der Aktion nun nichts mehr im Wege. Ende März werden nun die beiden Apfelbäume auf dem Rathenauplatz gepflanzt!

Das ist ein sehr schöner Erfolg, aber kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen.
Wir haben den Aktionsplan natürlich im Blick. Der sieht vor, dass es bis zum Jahr 2025 insgesamt 20 Essbare Plätze in Köln geben soll. Mit dem Rathenauplatz ist ein guter Anfang gemacht.